Promoviert an der HAW

Marit Gillmeister: "Wessen Herz für die Forschung schlägt, sollte promovieren"

Von Claudia Aldinger | 30. April 2020

Promovieren an Hochschulen für angewandte Wissenschaften – dafür entscheiden sich immer mehr junge Forscherinnen und Forscher. Welches Thema haben sie gewählt? Wie ist es Ihnen auf diesem akademischen Weg ergangen und würden sie sich wieder dafür entscheiden?

Das KAT-Netzwerk hat Promovendinnen und Promovenden der vier Hochschulen Sachsen-Anhalts interviewt, wie Marit Gillmeister von der Hochschule Anhalt:

 

Frau Gillmeister, wie hieß das Thema Ihrer Promotion genau und welche Hochschulen waren beteiligt?

Titel meiner Dissertationsschrift: Funktionelle Charakterisierung des antifungalen Potentials von Wurzelextrakten aus Rheum rhabarbarum L. ‘The Sutton’. Beteiligt war unsere Arbeitsgruppe (AG IBAS) mit Prof. Dr. rer. nat. Ingo Schellenberg als zweiter Gutachter, also die Hochschule Anhalt (Fachbereich Landwirtschaft, Ökotrophologie und Landschaftsentwicklung). Mein Erstgutachter war Prof. Dr. Holger B. Deising von der MLU Halle-Wittenberg (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften, Professur für Phytopathologie und Pflanzenschutz) und der dritte Gutachter war Prof. Dr. Karl-Heinz Kogel von der Uni Gießen (Justus-Liebig-Universität Gießen, Institut für Phytopathologie, Professur für Phytopathologie). Entscheidend war also die Kooperation mit der Uni Halle (Naturwissenschaftliche Fakultät III), an der ich sie ja letztlich auch verteidigt habe. Mein direkter Betreuer im Institut war PD Dr. rer. nat. Helmut Baltruschat.

Was war leichter als anfangs gedacht?

 

Leichter als anfangs gedacht war tatsächlich die Verteidigung. Vor dieser hatte ich von Beginn an den größten Respekt und die schlimmsten Befürchtungen. Nicht vor der Präsentation – Vorträge zu halten wurde während der Laufzeit ausreichend trainiert, sondern vor der anschließenden Diskussion, da diese in Abhängigkeit der Gäste und Tagesstimmung unberechenbar ist. War es Glück oder eine intensive Vorbereitung? Wahrscheinlich ein bisschen von beidem!

„Als mir Prof. Schellenberg damals angeboten hatte, in der AG zu promovieren, fühlte ich mich sehr geschmeichelt und weiß noch, dass ich dachte – das ist vermutlich auch nicht viel anders, als in einem Forschungsprojekt – man plant und führt seine Versuche durch und schreibt am Ende einfach nochmal alles (nur etwas ausführlicher) zusammen. Diese Annahme war falsch.“ Marit Gillmeister, Promovendin der Hochschule Anhalt und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institute of Bioanalytical Sciences (IBAS)

Was war schwerer als anfangs gedacht?

Als mir Prof. Schellenberg damals angeboten hatte, in der AG zu promovieren, fühlte ich mich sehr geschmeichelt und weiß noch, dass ich dachte – das ist vermutlich auch nicht viel anders, als in einem Forschungsprojekt – man plant und führt seine Versuche durch und schreibt am Ende einfach nochmal alles (nur etwas ausführlicher) zusammen. Diese Annahme war falsch. Anders als in einem Forschungsprojekt denkt man als Doktorand permanent, das eigene Leben, seine Zukunft hängt vom Erfolg der Arbeit ab. Hinzu kommt ein noch viel höherer Grad an Perfektionismus, was auch das Schreiben (zumindest bei mir) extrem verlangsamen kann. "Interessant" ist zudem, bei sich selbst und den Mitpromovierenden die einzelnen Phasen des Gemütszustands über die Jahre zu beobachten. Motivation – Selbstzweifel durch Rückschläge – Aggression – das völlige Infragestellen der Relevanz des Themas – Panikattacken und Schlaflosigkeit – die sprich mich nicht auf meine Promotion an-Phase – Resignation/Hoffnung. Diese Gefühle möchte ich nicht noch einmal so gehäuft und ineinandergreifend erleben.

Wie haben Sie die Promotion(szeit) finanziert?

Die Promotionszeit begann mit einem sehr komplexen BMBF-Forschungsprojekt ("WK Potenzial"), in dem ich in Vollzeit angestellt war. Durch das Engagement von Prof. Schellenberg ging es in ähnlicher Form auch weiter, sodass ich finanziell keine Probleme hatte. Dafür bin ich sehr dankbar.

Angenommen, Sie stünden erneut vor der Entscheidung zu promovieren: Würden Sie sich wieder dafür entscheiden?

Meine spontane Antwort wäre: Nein! Das hängt aber davon ab, welche Prioritäten und Ziele man im Leben setzt, in welcher Lebensphase man sich befindet, auf welchem Gebiet man promoviert und welcher Typ von Mensch man ist. Ich hatte gegen Ende das Gefühl, (selbstverschuldet) zu viel wertvolle Lebenszeit verloren zu haben, gepaart mit einem innerlichen Stress, dem man sich nicht hätte aussetzen müssen. Freundschaften und meine Familie, jegliche kreative Ader, die man vielleicht mal hatte, wurden in dieser Zeit stark vernachlässigt.

Das Thema meiner Disseration hatte mich damals so gereizt, dass die Entscheidung klar war und abgebrochen hätte ich ohnehin nicht – dafür ist mein Ehrgeiz viel zu groß. Wer die Anforderungen einer naturwissenschaftlichen, praktischen Arbeit bei guten Rahmenbedingungen einigermaßen gut mit seinem Privatleben und eigenem Wohlbefinden in Einklang bringen kann, wer beruflich einen entsprechenden Weg einschlagen möchte und wessen Herz für die Forschung schlägt – dem würde ich auf jeden Fall empfehlen, zu promovieren. Letztlich bereue ich es ganz und gar nicht. Es war eine vielseitige, bereichernde Zeit. Ich würde nur alles grundsätzlich anders angehen – aber diese Erkenntnis kennt wohl jeder.

Frau Gillmeister, vielen Dank!

spc

Informationen und Kontakt

Marit Gillmeister
Tel.: 03471-3551119, E-Mail: marit.gillmeister@hs-anhalt.de

Arbeitsgruppe Institute of Bioanalytical Sciences (IBAS)

Prof. Dr. Ingo Schellenberg
Tel.: 03471-3551188, E-Mail: ingo.schellenberg@hs-anhalt.de

 

 

Promotionen sind an Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) durch Kooperationen mit Universitäten möglich. Das Promotionsrecht liegt also allein bei den Universitäten. Dieser Status wird an verschiedenen Stellen diskutiert. Das Bundesland Hessen hat sein Hochschulgesetz 2016 insoweit angepasst, dass HAW unter bestimmten Bedingungen ein Promotionsrecht zuerkannt werden kann. Näheres dazu auf der Homepage der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).

An der Hochschule Anhalt gibt es aktuell rund 50 Promovendinnen und Promovenden. Ein Überblick findet sich auf der Hochschulseite.

 

Text und Bilder (soweit nicht anders benannt): Claudia Aldinger

 

 

Die Forschungsarbeit von Marit Gillmeister wurde u.a. auch durch das KAT-Netzwerk an der Hochschule Anhalt gefördert.